Geschichte

 

Eine kleine Geschichte der Luthergemeinde

Die evangelischen Christen im Westen und Süden Ettlingens gehörten seit den 1950er Jahren zur Paulusgemeinde. 1951 bis 1956 (Einweihung der Pauluskirche) fanden Gottesdienste in der Pestalozzischule in Ettlingen-West statt. 1963 wurde im Kiefernweg in Ettlingen-West das Oberlinhaus gebaut. 

Kirchsaal, Gemeinderäume und der Oberlin-Kindergarten werden zu einem bedeutenden Zentrum der von 550 (1959) bis auf 2.500 (1972) angewachsenen evangelischen Christen im „Gebiet Entensee“. Die evangelische Diaspora in Buchhausen, Ettlingenweier und Oberweier wird ebenso vom Pauluspfarramt versorgt.

 

Seit  12. Mai 1957 steht ihr die ehemals katholische „Kleine Kirche“ in der Luitfriedstraße zur Verfügung. Sie wird unter großem persönlichem Einsatz der Gemeindeglieder für den evangelischen Gottesdienst vorbereitet.

 

1972 Eine dritte Pfarrgemeinde in Ettlingen wird beantragt und genehmigt. Entscheidung für den Namen Luthergemeinde.  Sitz des Pfarramtes wird das Oberlinhaus im Kiefernweg. Zur Luthergemeinde gehören Ettlingen-West, Bruchhausen, Ettlingenweier und Oberweier, später auch die evangelischen Bewohnerinnen und Bewohner des Seniorenzentrums am Horbachpark.

 

1973 Werner Ross wird erster Pfarrer der neugegründeten Luthergemeinde. Auf seinen Entwurf geht das Pfarramtssiegel zurück: aus einer aufgeschlagenen Bibel steigen die hebräischen Buchstaben des Wortes „Schalom“ (Frieden) und ein Weinstock auf.

 

1974 Der Frauenkreis Oberlin wird von Frau Ross ins Leben gerufen, seit 1978 unter Leitung von Helga Haidl.

 

1977 In einem Neubaugebiet im Oberfeld entsteht das Evangelische Gemeindezentrum Bruchhausen, Auch Pfarramt und Pfarrhaus ziehen in die Meistersingerstraße. Die Gemeindegliederzahl in den südlichen Dörfern war weiter im Steigen, während in Ettlingen-West der Zenit überschritten war. Im Kiefernweg beziehen in der Regel Pfarrvikarinnen oder Pfarrvikare die Dienstwohnung, deren Arbeitsschwerpunkte in Ettlingen-West lag.

 

1981 Pfarrer Michael Koch folgt Werner Ross als Pfarrer der Luthergemeinde.

 

1992 Dr. Traugott Schächtele, schon als Pfarrvikar an der Luthergemeinde, übernimmt die Pfarrstelle.

 

1993 Frau Schächtele ruft den „Abendtreff“ junger Frauen ins Leben.

 

1998 Elisabeth Davduv (später Lundbeck) wird Pfarrerin der Luthergemeinde.

 

2005 Die Kirchengemeinde Ettlingen muss zur Haushaltskonsolidierung ein Gebäude verkaufen. Das Oberlinhaus in Ettlingen-West einschließlich Kindergarten wird aufgegeben. Gottesdienste und Gemeindegruppen der Luthergemeinde finden freundliche  Aufnahme bei der katholischen Liebfrauengemeinde im Lindenweg.

 

2007 Pfarrerin Lundbeck stirbt mit 52 Jahren am 24. Februar. Im Oktober treten Pfarrerin Friederike Bornkamm-Maaßen und Pfarrvikar Thorsten Maaßen (seit 2008 Pfarrer) in Stellenteilung die Pfarrstelle an.

 

2009 Januar: Zukunftskonferenz mit Dekan Jochen Zobel, Müllheim und Pfarrerin Dorothee Mack, Mailand. März: Zielvereinbarungen im Rahmen der Visitation mit Dekan Paul Gromer. Dezember: Feierliche Eröffnung der Kleinen Kirche nach der Sanierung der Außenfassade.

 

2010 Teilnahme am Projekt „Gebetsorte“. Die Kleine Kirche wird geöffnete Kirche. Andrea und Nikolaus Kernbach gestalten Altarkreuz, Leuchter und Pult für das Fürbittbuch und legen weitergehende Pläne zur Gestaltung des Altarraums. In der Kleinen Kirche findet regelmäßig das ökumenische Taizégebet statt. In Folge der Gründung der katholischen Seelsorgeeinheit Ettlingen-Stadt wird der Gottesdienstplan verändert. Die Luthergemeinde feiert fortan gemeinsam Sonntagsgottesdienst um 10.30 Uhr, abwechselnd in Ettlingen-West und Bruchhausen.

 

2011 Das 40. Ökumenische Gemeindefest in Ettlingen-West steht unter dem Motto „Flagge zeigen für die Ökumene“. Ostermontag 2012 wird das von Thomas Zoller entworfene Ökumenebanner erstmals vor der Liebfrauenkirche gehisst.

 

2012 Im Rahmen einer Dachsanierung erhält das Gemeindezentrum ein Gründach. Start des Kirchlichen Umweltmanagementsystems „Grüner Gockel“ am 28. September im Gemeindezentrum. Psalmengarten im Rahmen des SWR4-Sommererlebnis. Jubiläumswochenende zu Martin Luthers Geburts- und Tauftag mit Sternmarsch und Laternenandacht in Bruchhausen sowie einem Festgottesdienst mit Prälat Dr. Schächtele in Ettlingen-West
Verstärkt werden Arbeitsbereiche auf Ebene der Kirchengemeinde Ettlingen gemeinsam bearbeitet: Arbeitskreis Asyl Ettlingen; Umweltteam „Grüner Gockel“, Fundraising.

 

2013 Jubiläumsgottesdienst 40 Jahre Pfarrstelle Luther mit Pfarrer Ross.

 

2015-2016 Renovierung des Gemeindezentrums: Energetische Außenfassade + Fenster, Parkett neu versiegelt, neue Prinzipalien, Tische und Stühle.

 

2017 Rechtzeitig zum „Lutherjahr“ (Anschlag der Thesen vor 500 Jahren) glänzt das Gemeindezentrum in neuem Licht.

 

2018-2019 Das Liegenschaftsprojekt der Badischen Landeskirche bewertet alle Kirchen und Gebäude entsprechend der jeweiligen Mitgliederzahlen.

2019 Im Gemeindezentrum wird eine neue zeitgemäße Telekommunikationsanlage installiert.Das Sekretariat zieht im Gemeindezentrum in das Diakonenbüro ein. Damit hier vernünftiges Arbeiten zu allen Tages- und Jahreszeiten ermöglicht wird, wurde eine Verschattung der großen Fensterfläche angebracht.

2020 Im Frühjahr 2020 macht sich die Corona-Pandemie breit. Von heute auf morgen werden Gottesdienste, Kinder-, Jugend-, Frauen- und Männertreffen abgesagt. Pfarrer und Ältestenkreise müssen schnell den Umgang mit digitalen Gottesdiensten und Konferenzen lernen. Die Erfolge sind verblüffend.

2021 Im Sommer zieht unsere Pfarrfamilie nach 14 Jahren in der Luthergemeinde nach Lahr um.

2022  Pfarrerin Christine Wolf übernimmt am 1.2. die Pfarrstelle der Luthergemeinde.

 

175 Jahre evangelischer Gottesdienst in Ettlingen

Der 1. Juni 1845 war ein Freudentag für die Evangelischen in Ettlingen
Vor genau 175 Jahren fand in der ehemaligen Kapelle des Ettlinger Schlosses der erste evangelische Gottesdienst in Ettlingen statt.
Es war ein langer, schwieriger Weg dorthin. So wurde dieser Tag zu einem Freudentag für die evangelischen Christen.
Nachdem im Jahre 1771 die katholische Markgrafenlinie Baden-Baden ausgestorben war und laut Erbvertrag deren Besitz an die evangelische Linie Baden-Durlach übergegangen war, verlor das Ettlinger Schloss schnell an Bedeutung, einmal abgesehen vom Kurzaufenthalt Napoleons I. im Oktober 1805 und seinem Treffen mit Markgraf Karl-Friedrich. Was sollte der Markgraf, seit 1806 Großherzog, mit einem Schloss in unmittelbarer Nähe seiner Residenz Karlsruhe anfangen? Großherzogliches Militär in verschiedenen Organisationsformen zog ab 1805 im Schloss ein: Invalidenkompanie, Militärschneiderei. In einer Dokumentation des Jahres 1830 wird das „Großherzogliche Militär-Montirungs-Commissariat“ genannt.
Was sollte der Großherzog, der auch Landesbischof der Vereinigten evangelisch-protestantischen Kirche im Großherzogtum Baden war, mit einer katholischen Schlosskapelle in einem militärisch genutzten Gebäude anfangen? Die Katholiken hatten ja ihre Stadtkirche, die St. Martinskirche. Ab 1806 gab es keine Messe mehr, 1809 wurde die Kapelle ganz geschlossen, das Inventar ausgebaut.
Die drei Altäre kamen nach Kuppenheim. Dort war kein Geringerer als ein unehelicher Sohn des Großherzogs Karl Friedrich katholischer Pfarrer: Franz Joseph Herr (geb. 1778 in Karlsruhe, gest. 1837 in Lichtental) ; eine bedeutende Persönlichkeit, Rektor, Geheimrat und Ehrenbürger in Kuppenheim und Baden-Baden.
Den Hochaltar kaufte von dort 1903 die Gemeinde St. Dionysius Ettlingenweier, wo er heute als besondere Kostbarkeit zu bewundern ist. Die beiden anderen Altäre kamen nach Mannheim-Neckarau (Kirche St. Jakobus), wo sie 1943 durch Bomben zerstört wurden. Das andere Inventar wurde verkauft. Erhalten blieben die Fresken von Cosmas Damian Asam im Kuppelbereich; die konnte man so leicht nicht versilbern.
Der Ettlinger Arzt P.J. Schneider schließt in seiner 1818 erschienenen Topographie von Ettlingen die Beschreibung des damaligen Zustandes der ehemaligen Schlosskapelle klagend in Gedichtform: Der Beichtstuhl trauert von der Spinn umflort; Die Orgel wälzt nicht mehr der Töne Strom Durch die Gewölbe majestätisch fort: Der Hymnen Feyerjubel ist verhallt, Kein Marmorbild glänzt mehr vom Opferduft Der Weihrauchwolke festlich überwallt!! 
Kein Glanz also mehr aus der Zeit, als dieser reich ausgestattete Raum der Markgräfin Sibylla Augusta als Kapelle gedient hatte, kein Glanz, der den Asamsaal in restauriertem Zustand heute prägt und den die Besucher bewundern. Kein Blick mehr von ganz unten hinauf zu den Fresken. 
Nun suchten die evangelischen Bewohner schon länger einen Raum für ihre Gottesdienste. Ihre Zahl hatte nach der Gründung der Spinnerei und Weberei (1836) durch den Zuzug evangelischer Arbeiter und deren Familien aus anderen Territorien sowie durch Militärangehörige stark zugenommen: 1843 waren es 717 Evangelische. Für das Jahr 1816 hatte Schneider ihre Zahl noch mit 63 Personen angegeben (Vergleich: 2835 Katholische und 26 Juden). Zum Gottesdienst gingen die Evangelischen aus Ettlingen und Umgebung  nach Rüppurr. 
Dem Besitzer der Ettlinger Zwingelmühle, Wilhelm Dörrfuß, ist es schließlich zu verdanken, dass Großherzog Leopold in einer Audienz die ehemalige Schlosskapelle zu gottesdienstlichen Zwecken zur Verfügung stellte, dies gegen den heftigen Widerstand des Großherzoglichen Kriegsministeriums. Der Raum hatte bisher als Militärmagazin gedient. Wilhelm Dörrfuß war ein engagierter Evangelischer, der seit 1835 der Erweckungsbewegung um Aloys Henhöfer aus Völkersbach angehörte und der sich um die evangelischen Arbeiter in Ettlingen kümmerte. Er war Mitbegründer der Inneren Mission.  
Der Raum, der ohne später eingezogene Zwischendecken noch in der gesamten Höhe bestand, also Ebene Fußboden des heutigen Musensaales, musste notdürftig vom Militärmagazin für den Gottesdienst am 1.Juni 1845 umgestaltet werden; der Eingang war vom Schlossplatz her, die Gottesdienstbesucher mussten also nicht über militärisches Gelände gehen. Die Einweihung wurde von Pfarrer Franz Ludwig Grohe aus Rüppurr vorgenommen. Die 1844 gegründete Diasporagenossenschaft wurde vom Gustav-Adolph-Verein 1845 tatkräftig unterstützt: 1000 Gulden wurden zugesprochen und als Geschenk wurden eine Abendmahlskanne mit zwei silbernen Abendmahlskelchen (Eingravierung: „Geschenk des Gustav-Adolph-Vereins 1845“) übergeben, die noch heute in der Johannesgemeinde in Gebrauch sind.  
Große Aufgaben waren noch zu bewältigen, um nur Orgel, Kanzel und Glocken zu erwähnen. Sicherlich war schon der Wunsch vorhanden, in absehbarer Zukunft eine eigene Kirche für die wachsende Zahl der Evangelischen zu haben. Hier wird immer wieder Wilhelm Dörrfuß als treibende Kraft genannt. 
Die neue evangelisch-protestantische Diaspora-Gemeinde Ettlingen wurde fortan von einem Pfarrverweser versehen. 1848 kam eine Orgel der Rastatter Firma Gebrüder Stieffel in den Raum. Nur knapp drei Jahrzehnte konnte dieser Raum kirchlich genutzt werden, denn das Preußische Kriegsministeriums in Berlin hatte nach dem Einzug der Könglich-Preussischen Unteroffiziersschule ins Schloss (1871) schon länger mit großem Nachdruck auf die eigene Nutzung der ehemaligen Kapelle gedrängt. Von der militärischen Führung durchgeführte Abriss- und Umbauarbeiten im Schlossbereich sowie Exerzieren störten Gottesdienste und kirchliche Feiern in unzumutbarem Maße. Daher hatte die evangelische Gemeinde bereits 1872 einen Kirchenbaufonds angelegt. So kam die Kündigung für kirchliche Nutzung der Schlosskapelle zum 31. Dezember 1876, einem Rauswurf gleichend, nicht überraschend. Die Stadt Ettlingen stellte einen Raum in der neuen Knabenschule (heute Thiebauthschule) zur Verfügung, bis 1880 die heutige Johanneskirche geweiht werden konnte. 
Dieter Stöcklin 
Bilder:
  • Schlosskapelle vor der Restaurierung (Stadtarchiv Ettlingen)
  • Abendmahlskelche Geschenk des Gustav-Adolph-Vereins 1845 (Stö)